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500 Jahre nach Luthers 95 Thesen an der Schlosskirche zu Wittenberg

Luthers Herz

Thomas F. Lüscher

DOI: https://doi.emh.ch/10.4414/cvm.2017.00511
Publication Date: 18.10.2017
Cardiovascular Medicine. 2017;20(10):225-228

Martin Luther war ein beherzter Mann, doch ein kraftstrotzender Fels war er nicht. Er litt immer wieder unter schweren Herzattacken – heute würde man von koronarer Herzkrankheit sprechen.

Der Aufstand

Als der damals noch kirchentreue Mönch und wortgewaltige Doktor der Theologie Martin Luther am 31. Oktober 1517, also vor genau 500 Jahren, eigenhändig – wenn wir der Überlieferung glauben wollen – am Portal der Wittenberger Schlosskirche seine Thesen, im lateinischen Original Disputatio pro declaratione virtutis indulgentiarum oder zu Deutsch Wider den Ablasshandel, anschlug, wollte er dem geschäftsmässigen Handel mit Ablassbriefen Einhalt gebieten [1]. In den Jahren zuvor hatte die katholische Kirche sich zunehmend mit Ablasslizenzen Geldmittel zum eigenen ­Gebrauch erworben. In Deutschland ­gelangte der Dominikanermönch Johann Tetzel, der für die weltliche Sache der Kirche durch die Landen zog, zu zweifelhaftem Ruhm: «Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt!» war der ihm zugeschriebene Leitsatz. Die kirchenrechtliche Grundlage für dieses Vorgehen wurde durch eine päpstliche Bulle von 1343 geschaffen, die dem Pontifex maximus zugestand, Gläubige von den Qualen des Fegefeuers zu erlösen – ein Privileg, das sich in verschiedenster Weise nutzen liess. Für Luther war dies ein Verrat an Christentum und Bibel und eine Verdrehung des Bussgedankens.

Dass er mit seiner Anklage gegen dieses Unwesen sich selbst in Gefahr bringen könnte, lag dem treuen Kirchendiener zunächst fern; zu fest war er vom seiner gerechten Sache überzeugt. Hatte sich der Lebenswandel der Priester und die Prunksucht des Vatikans nicht zu weit von der christlichen Botschaft entfernt? Viele seiner Weggefährten und zahllose Menschen der katholischen Welt teilten diese Meinung.

Ein Jahr später liess er auf Deutsch den «Sermon von dem Ablass und Gnade» folgen – das Echo auf seine tollkühne Tat war gewaltig, selbst Luther zeigte sich überrascht von der breiten Wirkung seiner Thesen.

Die Antwort der Kirche

Die Kirchenfürsten, allen voran der Papst, waren von den Thesen dieses aufsässigen Mönchs aus dem ­Norden Deutschlands wenig erbaut. Albrecht von Brandenburg, der Erzbischof von Mainz und Magdeburg, an den Luther seine Thesen zunächst gerichtet hatte, verharrte in Schweigen – und zeigte Luther in Rom an. Dem kirchlichen Missfallen zum Trotz entfalteten die öffentlich angebrachten Thesen in einer zutiefst verunsicherten Christenheit ihre Sprengkraft und führten bald zu einer sich ständig ausweitenden Diskussion um den rechten Glauben. Doch statt einer Reform, wie sie sich Luther ursprünglich gewünscht hatte, kam es bereits 1518 zu einer Vorladung nach Rom. Der Papst brauchte jedoch Luthers Schirmherr Kurfürst Friedrich II. den Weisen von Sachsen (1463–1525) für die anstehende Kaiserwahl und willigte schliesslich in eine Befragung am Reichstag zu Augsburg ein. Luther blieb beherzt und gab nicht nach, auch nicht vom 12. bis 14. Oktober 1518 im Disput mit dem Kurienkardial Thomas Cajetan; knapp entging er seiner Verhaftung und gelangte unversehrt nach Wittenberg zurück. Danach verschärfte sich seine Kirchenkritik und wandte sich zuletzt mit steigender Heftigkeit gegen den Papst selbst, den er «Teufelsdiener, Lästerer, ein verfluchtes, ungeheures Monstrum zu Rom» nannte. Und Grund für solche Ausfälle gab es genug: Sowohl Alexander VI. (1492–1503) aus der berüchtigten Familie der Borgia, wie auch Julius II., «Il Terribile» (1503–1513), ein Kriegsherr und Lebemann, der an Syphilis starb, waren alles andere als mönchische Seelsorger. Zur Zeit der 95 Thesen war es dann Leo X. (1513–1521) aus der ­Familie der Medici, auch er ein Lebemann und Krieger der eigenen Art, der nach seiner Wahl erst zum Priester geweiht werden musste.

Luther, schreibgewaltig wie er war, trat mit einer ­wachsenden Zahl von auch in Deutsch geschriebenen Schriften an die Öffentlichkeit. Im Dezember 1520 zog er mit Wittenberger Studenten vor die Stadt und verbrannte das Kanonische Kirchenrecht. Die Antwort Leo X. liess nicht auf sich warten. Am 3. Januar 1521 wurde Martin Luther durch eine Bulle des Papstes zum Ketzer erklärt und exkommuniziert.

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Abbildung 1: Martin Luther 1526. Gemälde von Lucas ­Cranach dem Älteren. Bildquelle: Wikimedia Commons.

Der Reichstag zu Worms

Die Reichsacht lag in den Händen des weltlichen Herrschers: Am 17. April 1521 wurde Luther in Worms Kaiser Karl V., dem Hüter des rechten Glaubens, vorgeführt. Der junge Mönch war vom Gefolge des Kaisers des Heiligen Römischen Reiches und dem Hofzeremoniell im Wormser Rathaus eingeschüchtert, sprach leise und wich den Fragen nach dem Inhalt seiner Schriften aus – zuletzt bat er niedergeschlagen um Bedenk­zeit. Die Wormser, die Luther triumphal empfangen hatten, waren zunächst enttäuscht. Am 18. April trat Luther erneut vor den Kaiser – doch diesmal war seine Stimme laut und fest, Luther gab nicht nach. Ob wirklich die Worte «Hier steh ich, ich kann nicht anders» gefallen sind, ist umstritten, jedenfalls blieb Luther standfest, er widerrief nicht. Karl V. ­verhängte mit dem Wormser Edikt die Reichsacht über Luther, gestand dem Reformator aber – wiederum auf Bitten seines Kurfürsten Friedrich II. – zu, nach Wittenberg zurückzukehren. Am 26. April reiste er ab und wurde in einem Hohlweg in Kursachsen von einer Männergruppe entführt und auf die Wartburg in Eisenach gebracht – eine List seines Landesherrn, der ihn erneut vor Unbill schützte.

Die Bibelübersetzung

Auf der Wartburg übersetzte Luther als Junker Jörg ver­kleidet die Bibel in die deutsche Sprache. Nicht länger sollten es Priester sein, die das Wort Gottes verkünden, jedermann sollte selber die Bibel in seiner Mutterspache lesen können – es war der erste Schritt zur Aufklärung. Die Mittel zur Verbreitung der Schrift schuf um 1460 Johannes Gensfleisch, genannt Gutenberg, in Mainz. Mit dem Buchdruck, der Verwendung von beweglichen Schriftzeichen, liessen sich erstmals Hunderte, bald Tausende Exemplare der Bibel und auch der Schriften Luthers drucken – die Reformation war nicht mehr aufzuhalten.

Luther emanzipierte nicht nur die Gläubigen, er schrieb bildhaft und für jedermann verständlich, wie ihm das Maul gewachsen war, und schuf so die deutsche Schriftsprache. Wer in seiner Sprache seinem Herrn entgegentreten kann, bedarf keines Vermittlers – von Luthers Reformation führt der Weg unaufhaltsam zu Immanuel Kant und seiner Maxime: Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit [2]. Die Mündigkeit führte zum Mut zu fragen, damit zu Forschung und Wissenschaft, wie wir sie heute kennen [3].

Luthers Leiden

Luther war ein beherzter Mann, doch ein kraftstrotzender Fels war er nicht. Die Exerzitien im Kloster, das wiederholte Fasten, Nachtwachen, hartes Lager und andere Entbehrungen hatten seiner Gesundheit geschadet. Dazu kam sein rastloses Predigen verbunden mit beschwerlichen und gefährlichen Reisen. Wir lesen von Kopfschmerzen, Schwindel, Verdauungsproblemen und anderem mehr. Gewiss auch deshalb wurde er über die Jahre zunehmend gereizter und unduldsamer, was sich auch in seinen Texten widerspiegelte, am schlimmsten in seiner Schmähschrift «Von den Juden und ihren Lügen».

Anfang 1527, genau am 18. Februar, wie sein engster Freund Philipp Melanchton berichtet [4], erlitt Luther einen Ohnmachtsanfall und eine beängstigende Brustenge, sodass er um sein Leben fürchtete. Melanchton beschreibt genau die Beschwerden Luthers, der ihn nachts um 2 Uhr zu sich rief, wie das bedrohliche Engegefühl in der Brust, den unerträglichen Schmerz, als ob ihm jemand ein Messer in der Brust gesteckt hätte. Luther’s Leiden liessen nach und er ging zur Toilette, damals ausser Haus in der Kälte, und der Schmerz stellte sich erneut ein – wir würde heute von instabiler Angina oder einem Infarkt sprechen [5].

Wenige Wochen später folgten schwere Drehschwindelattacken, zuletzt mit Schwächegefühl, Übelkeit sowie Brausen und Klingen im linken Ohr, sodass man annehmen darf, dass Luther unter der 1861 von Prosper Menière (1799–1862) beschrieben Krankheit litt [6]. Später kam ein zunehmender Hörverlust hinzu, wie er für diese Erkrankung typisch ist.

Ende des Jahres 1527 folgten wieder schwere Herz­attacken mit Atemnot. Für Luther, vom mittelalter­lichen Denken noch geprägt, waren seine Anfälle ein Werk des Satans, die ihn über die Jahre wiederholt überfielen. Dazu kam ein Nierensteinleiden, das sich immer wieder meldete, bis der Stein unter höllischen Schmerzen mit Blut im Urin abging.

Angina pectoris und Infarkt

Sein Lebenswandel geprägt von hektischen Reisen, überreichlichen Mahlzeiten mit Tischreden und ausgedehntem Alkoholkonsum, führte unvermeidlich zu Übergewicht, Gichtanfällen und wohl zu einer koronaren Herzkrankheit. Ende 1545, Luther war inzwischen 62 Jahre alt, vermittelte er im Mansfelder Sauhandel, musste die Reise aber aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig abbrechen und kehrte nach Wittenberg zurück. Ende Januar brach er zu einer weiteren winter­lichen Reise in Begleitung seiner drei Söhne, eines Freundes und zweier Diener nach Eisleben auf. Die kalte Jahreszeit mit wechselnder Kälte und Tauwetter und die schlechten Strassen waren für den alternden Reformator eine einzige Strapaze. Kurz vor Eisleben, seiner Geburtsstadt, stieg er vom Wagen, um eine ­Strecke zu Fuss zu gehen. Luther verspürte Kälte und Schwere im linken Arm und eine «Compression des Herzens und gleichsam Erstickungsnot» [7].

In Eisleben angekommen, erholte sich Luther wieder und schrieb munter an seine Frau, um sie nicht zu beunruhigen. Seinem Freund Melanchton aber schilderte in seinem Brief von 1. Februar 1546 die wahren Geschehnisse: «Auf der Reise befiel mich eine Ohnmacht, und zugleich auch ein Herzanfall. Ich lief nämlich zu Fuss, aber es ging über meine Kräfte, sodass ich schwitzte. Weil danach durch den Schweiss auch das Hemd im Wagen durchkältet war, griff die Kälte einen Muskel des linken Arms an. Daher jene Beklemmung des Herzens und gewissermassen das Fortbleiben des Atmens. Schuld daran ist meine Torheit, zu Fuss zu gehen» [8].

Am 17. Februar schlug die Krankheit erneut zu und Luther musste nach dem Abendessen sein Zimmer aufsuchen. Johannes Aurifaber, der ihn in seinem Zimmer fand, gestand er: «Mir wird aber weh und bange wie nie zuvor um die Brust.» Man rieb Luther mit warmen Tüchern ab, um die Schmerzen zu lindern [6]. Dann wurde ihm Wein mit Einhorn getränkt geboten, worauf er vorübergehend einschlief. Um 1 Uhr erwachte Luther erneut mit beklemmenden Brustschmerzen. Die herbeigerufenen Ärzte wussten sich weder auf eine Diagnose zu einigen, noch konnten sie mit den Mitteln der Zeit den verzweifelt vor sich hinbetenden Reformator zu helfen. Kurz darauf blieb Martin Luther stumm und liess sich weder durch Rütteln noch durch kaltes Wasser wecken; der Reformator starb wohl an Kammerflimmern.

Ein weiter Weg

Es sollte noch lange dauern, bis die Medizin zu verstehen begann, was der Angina pectoris zugrunde lag. Als Erster gab Edward Jenner, später für die Entwicklung der Pockenimpfung eine Berühmtheit, einen Hinweis: Als sein Kollege John Hunter, ein hochgeachteter Chirurge seiner Zeit, an der Sitzung der Spitalleitung des St. Georges Hospital in London am 13. Oktober 1793 aufgrund einer Meinungsverschiedenheit Angina pectoris verspürte und kurz darauf verstarb, nahm Jenner ohne Zögern eine Autopsie vor und berichtete: «I found no material disease of the heart, except that the coronary arteries were thickened.» [9] Ein wirkliches Verständnis der koronaren Herzkrankheit hatte Jenner so wenig wie Goethes Leibarzt Dr. Vogel, der einige Dekaden ­später den Herztod des grossen Dichters akribisch, aber ohne jede Einsicht in die Ursachen beschrieb [10].

Ein erster Erfolg gelang wenige Jahrzehnte später, als Thomas Lauder Brunton im Lancet die lindernde Wirkung von Amylnitrat bei Angina pectoris beschrieb [11]; 1879 berichtete William Murrell über die Wirkung von Nitroglycerin [12]. Keines dieser wirksamen Medikamente hatte Luther zur Verfügung gestanden, von den heutigen Möglichkeiten ganz zu schweigen.

Heute wissen wir, weshalb es während der anstrengenden Reise und anschliessend beim raschen Gehen in der Kälte bei Luther zu Angina kam: Die Ischämie stellte sich wohl aufgrund von Verengungen der Koronararterien ein, wie sie Jenner später beschrieb; die kalte Januarluft vor Eisleben tat das ihre und liess über den Sympathikus die Herzkranzgefässe noch enger werden, verstärkte damit die Ischämie und ver­ursachte wohl ein Plaqueruptur, die kurz drauf zum ­Infarkt und Herztod führte.

 1 Otto F. Am Vorabend einer Revolution. Geo Epoche. 2017;39:22–3.

 2 Kant I. Was ist Aufklärung? ­Hamburg: Felix Meiner Verlag; 1999. S 20.

 3 Lüscher TF. Gibt es Dogmen in der Medizin? Cardiovasc Med. 2017;20:111–14.

 4 Roth S. Philipp Melnchton als Hausarzt. In: Pharmazie in ­Geschichte und Gegenwart. Stuttgart: Wissenschaftliche ­Verlagsgesellschaft; 2009.

 5 Lanzer C, Lanzer P. Angina pectoris revisited; exertional angina preceded Martin Luther’s last stretch of a final journey. Eur Heart J. (CardioPulse) 2016;37:1570.

 6 Neumann HJ. Luthers Leiden. Berlin: Wichern-Verlag; 2016.

 7 Küchenmeister F. Dr. Martin Luther’s Krankengeschichte, 1881.

 8 Martin Luther: Brief an Philipp Melanchton, 1.2.1546.

 9 Zitiert nach: William Osler: Lectures on Angina pectoris and allied states. Edinburgh and London: Young. J. Pentland; 1897.

10 Vogel C. Die letzte Krankheit Goethes. Darmstardt: v. E. Merck AG; 1961.

11 Brunton TL. On the use of nitrate of amyl in angina pectoris. ­Lancet 1867(2):97–8.

12 Murell W. Nitroglycerin as a remedy for angina pectoris. Lancet. 1879;(1):113–51.

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Abbildung 1: Martin Luther 1526. Gemälde von Lucas ­Cranach dem Älteren. Bildquelle: Wikimedia Commons.

Thomas F. Lüscher

Zurich Heart House / Foundation for Cardiovascular Research, Zurich, Switzerland

Für diesen Artikel bestehen keinerlei finanziellen Interessens­konflikte, noch wurde diese Arbeit in irgendeiner Weise von externen Quellen unterstützt. Auch ist der Autor nicht Mitglied einer Kirche.

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