Special communication

Keine Arbeits­entlastung, sondern eine Bereicherung ...

Praxisassistenz-Rotation 
in St. Gallen

Rémy Chenevard, Christian Gall, Florian Franzeck, Niklas Florestan Ehl, Hans Rickli

DOI: https://doi.emh.ch/10.4414/cvm.2017.00503
Publication Date: 18.10.2017
Cardiovascular Medicine. 2017;20(10):251-252

Seit Jahren besteht der Wunsch, im Rahmen der kardiologischen Facharzt-Weiterbildung des Kantonsspitals St. Gallen (KSSG) eine regelmässige Praxis­rotation anzubieten. Dank der Initiative des Praxis-Inhabers findet seit 2015 eine für alle Beteiligten erfolgreiche Umsetzung statt.

Die FA-AnwärterInnen haben die Möglichkeit, für 6–9 Monate in die ­kardiologische Praxis zu rotieren. An der Klinik für Kardiologie des KSSG mit A-Status-Anerkennung seit Anfang 2016 bestehen 8 kardiologische FA-Weiterbildungsstellen. Details der aktuellen kardiologischen FA-Weiterbildung am KSSG sind im Weiterbildungsprogramm unter www.siwf-register.ch einsehbar.

Die Praxis

Die Praxis liegt in einer ländlichen Kleinstadt in der Ostschweiz. Neben dem zu 95% kardiologischen Pa­tientengut wird ein kleines Hausarztkollektiv betreut, fliegerärztliche Kontrollen werden durchgeführt und im naheliegenden Regionalspital Schrittmacher implantiert. Das ergibt pro Jahr rund 2600 Konsultationen, davon sind rund ein Drittel Erstabklärungen. Bis 2015 wurde die Praxis vom Vorgänger mit einem 20%-Pensum unterstützt. Nach dessen Pensionierung entstand die Idee der Praxisrotation.

Organisation

Die Praxisrotation dauert üblicherweise 6 Monate. Der Assistenzarzt arbeitet an 2,5 Tagen pro Woche in der Praxis, einem 50%-Pensum entsprechend. Davon arbeitet er einen Nachmittag alleine (mögliche telefonische Supervision), ein halber Tag pro Woche ist für ­Büroarbeiten, Holter- oder 24-h-Blut­druckmessung-Auswertungen, kurze Patienten-Besprechungen, Notfälle und vor allem auch Schrittmacherimplantationen reserviert.

Die Anstellung bleibt beim Kantons­spital, formal ­handelt es sich um eine «Personalausleihe». Die ergänzenden 50% ist der Assistenzarzt am KSSG tätig. Die monatlichen Lohnkosten werden jeweils zur Hälfte zwischen der Praxis und dem KSSG aufgeteilt. Beide bisherigen Kandidaten waren am Ende des zweiten Jahres der fachspezifischen Weiterbildung in Kardio­logie mit weitgehend abgeschlossenem Basis-Curriculum und bereits im Besitz des FA-Titels Allgemeine ­Innere Medizin. Bei einem erfahrenen Facharzt-Anwärter betragen die Kosten pro Monat für die Praxis CHF 5500.– bis 6000.–.

Ablauf

Die ersten Tage wird der Assistenzarzt direkt betreut und in den ersten Wochen supervidiert. Mittelfristig arbeitet der Assistenzarzt dann selbstständig und entscheidet allein, wann er den Praxisinhaber zu Rate ziehen möchte. Sämtliche Berichte werden post-hoc vor Versand korrigiert und diskutiert. Die Patientenzuteilung geschieht durch den Praxisinhaber. Es stehen zwei Sprechzimmer und ein Ergometrie-Raum zur Verfügung; die Echokardiografie, EKGs und Schrittmacherabfragen sind flexibel in beiden Sprechzimmern durchführbar – dies ermöglicht einen Parallelbetrieb nahezu ohne zeitliche Verzögerungen.

In der Regel untersucht der Assistenzarzt 4–5 Patienten pro Tag, meistens handelt es sich dabei um Neu-Konsultationen. Die FA-Kandidaten absolvieren keine regulären Notfalldienste in der Praxis. Dienste werden zu 100% am KSSG absolviert, wobei darauf geachtet wird, dass ein reibungsloser Ablauf mit der Praxis gewahrt bleibt. Während der Zeit der Praxisrotation werden die Ferien­tage jeweils zu 50% in der Praxis und 50% am KSSG bezogen.

Erfahrungen

Beide bisherigen Kandidaten erwiesen sich als motiviert und fähig, die gestellten Aufgaben zu erfüllen. Die Integration ins Team war problemlos, die personelle Abwechslung willkommen. Die Zuteilung der ­Patienten in die Sprechstunde des Praxisassistenten wurde nur in Einzelfällen von Patienten oder Zuweisern reklamiert, insgesamt war die Akzeptanz auch in der Einzelpraxis sehr hoch. Der Aufwand für die Berichtkorrektur erwies sich aus Sicht des Praxisleiters höher als gedacht, dies hängt mit den Vorstellungen des Praxisinhabers zusammen («Uniformität» der Berichte), aber auch mit der fachlichen Einschätzung und Erfahrung der Assistenzärzte. Idealer wäre eine direkte Besprechung noch während der Konsultation, was aber aufgrund des Terminplans mit parallel laufenden Konsultationen durch den Praxisinhaber nur selten ­realisierbar ist.

Die Bereitstellung eines geeigneten Assistenzarztes durch das Spital erwies sich teilweise als herausfordernd, wobei Aspekte wie Personalmangel, Eignung, Motivation usw. eine Rolle spielten. Die effektive Entlastung für den Praxisinhaber ist natürlich nicht mit der Anstellung eines fertigen Facharztes vergleichbar: Die Personalkosten für den Assistenzarzt werden wahrscheinlich nur knapp gedeckt, eine differenziertere «Verrechnung» ist aber sicher schwierig zu machen. Der normale Arbeitsfluss für eine «Einzelpraxis» gewohnten Arzt wird durch den Praxisassistenzarzt verändert, die zusätzliche Beanspruchung ist bei ­gefülltem Programm zeitweise sehr hoch (hoher «Patientendurchsatz» sowie zusätzlich Betreuung des Assistenzarztes). Sehr positiv wird aus Sicht des gesamten Praxisteams die (menschliche und fachliche) Interaktion mit einem jungen Kollegen gewertet.

Die Rückmeldungen von Seiten der FA-Anwärter sind durchwegs sehr positiv. Die enge, direkte Betreuung durch den Praxisleiter führt zu einer Festigung der im Basis-Curriculum am KSSG erlernten Kenntnisse und Fähigkeiten. Der Perspektivenwechsel und das Kennenlernen des Arbeitsumfelds im niedergelassenen Bereich erlaubt dem Kandidaten, das Spital einmal «von aussen» zu sehen. Der Entscheid einer späteren Praxistätigkeit kann überprüft und ggf. bekräftigt ­werden – aber auch für spätere Spitalkardiologen ist dieser Perspektivenwechsel von grosser Bedeutung. Der durch die Rotation intensivierte Austausch mit dem «Zentrumsspital» wird insgesamt von allen ­Beteiligten als sehr wertvoll und für die gemeinsame ­Patientenbetreuung messbar förderlich beurteilt.

Fazit

Eine Assistentenrotation in der Einzelpraxis ist bei entsprechenden Voraussetzungen gut möglich. Um voll und ganz von dieser Praxisrotation und den damit verbundenen Möglichkeiten profitieren zu können, sollte der FA-Anwärter vorher das Basis-Curriculum von ca. zwei Jahren mit den dafür vorgesehenen ­Rotationen abgeschlossen haben (insbesondere genügend Echokardiographie-Erfahrung, zumindest Einführung in die Schrittmachersprechstunde usw.). Die Assistenzarzt-Planung am Spital muss demnach sehr umsichtig und vorausschauend sein, damit geeignete Kandidaten zeitgerecht in die Praxis wechseln können. Diesem Umstand muss bei der gemeinsamen Planung und wahrscheinlich auch Finanzierung mit dem Spital Rechnung getragen werden. Die Praxisrotation ist aus Sicht des Praxisleiters in erster Linie keine Arbeits­entlastung, sondern eine Bereicherung. Ein gemeinsames Projekt hat positive Auswirkungen auf die Zusammenarbeit. Sowohl der Praxisleiter als auch das KSSG möchten somit das Projekt weiterführen.

Rémy Chenevarda, Christian Gallb, Florian Franzeckb, Niklas F. Ehlb, Hans Ricklib

a Kardiologische Praxis Herzpunkt, Herisau; b Klinik für Kardiologie, Kantonsspital St. Gallen

Die Autoren haben keine finanziellen oder persönlichen ­Verbindungen im Zusammenhang mit diesem Beitrag deklariert.

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Korrespondenz:
Dr. med. Rémy Chenevard
Kardiologiepraxis Herisau
Poststrasse 19
CH-9100 Herisau
Herzpunkt[at]hin.ch