Viewpoint

Maskeraden in der Krise

DOI: https://doi.org/10.4414/cvm.2020.02118
Publication Date: 06.07.2020
Cardiovasc Med. 2020;23:w02118

Thomas F. Lüscher

Foundation for Cardiovascular Research, Zurich Heart House, Zurich, Switzerland / Royal Brompton and Harefield Hospital Trust and Imperial College London, United Kingdom

Ein Fuchs, der auf die Beute ging,

fand einen Weinstock, der voll schwerer Trauben

an einer hohen Mauer hing.

Sie schienen ihm ein köstlich Ding,

allein beschwerlich abzuklauben.

Er schlich umher, den nächsten Zugang auszuspähn.

Umsonst! Kein Sprung war abzusehn.

Sich selbst nicht vor dem Trupp der Vögel zu beschämen,

der auf den Bäumen sass, kehrt er sich um und spricht

und zieht dabei verächtlich das Gesicht:

Was soll ich mir viel Mühe nehmen?

Sie sind ja herb und taugen nicht.

(Karl Wilhelm Ramler, nach einer Fabel von Äsop)

Die Japaner

Die Japaner, man weiss es, tragen gerne Gesichtsmasken. Der Taxifahrer nach der Landung trägt sie, weisse Handschuhe gehören auch dazu, die Türe öffnet er von seinem Sitz aus, ohne sie zu berühren, und eine Plexiglasscheibe trennt den Fahrerbereich von dem des Fahrgastes. Man meidet Nähe im Land der aufgehenden Sonne, beim Grüssen verneigen sich die Japaner aus Distanz, der Handshake gehört nicht zu ihrer Kultur. Was man bisher still belächelt hat, erweist sich plötzlich als das einzig Richtige.

Die COVID-19-Epidemie betraf zum Zeitpunkt des Schreibens dieses Artikels über 11,5 Mio. Erdenbürger, in Wirklichkeit wohl einige mehr, denn nicht alle haben Beschwerden. Über 540 000 sind der Pandemie zum Opfer gefallen, 130 000 in den USA, 45 000 im UK und 35 000 in Italien [1]. In Japan mit seinen 127 Mio. Einwohnern waren es 17 000 – fast gleich viel wie in Dänemark mit seinen 6 Mio. Bürgern.

Die Briten und Stiff Upper Lip

In England, jedenfalls in London, wo der Schreibende lebt, galt stiff upper lip [2]. Wie die Bombardements der Nazis wollte man die COVID-19-Pandemie bestehen. Sir Patrick Vallence, seines Zeichens Chief Scientific Officer to the Prime Minister, empfahl im BBC Herd Immunity, somit gezielte Ansteckung der Bevölkerung zur Stärkung ihrer Abwehr gegen das bereits damals weltweit um sich greifende Virus. Frei nach Nietzsche: «Was mich nicht umbringt, macht mich stärker!» [3]

Gewiss ist Sir Patrick ein gestandener Wissenschafter, der schon vor Jahren im New England Journal of Medicine über Viren und Herzerkrankungen berichtet hatte [4] – ein glaubwürdiger ­Experte. Ganz im Sinne dieser Strategie schüttelten H.R.H. Prince Charles und Boris Johnson weiterhin ­eifrig die Hände ihrer Untertanen – und steckten sich auch prompt mit dem Virus an. Während Prince Charles mit dem Schrecken davonkam, landete der Leader of the Nation auf den Intensivstation und das Land trudelte führungslos dahin.

Doch dann warnten die Epidemiologen des Imperial College, als sich abzeichnete, dass damit wohl Hunderttausende Briten das Zeitliche segnen würden. Flugs wurde die Strategie geändert, man baute Spitäler, so das Florence Nithingale Hospital im ExCel Center im ­Süden Londons. Man schien gewappnet.

Dass die Vorbereitung mit Schutzanzügen, Masken und dergleichen wohl nicht optimal war, konnte man danach aber selbst erfahren. Im Harefield Hospital tauchte ich mit Maske auf, bereit, im Herzkatheterlabor einen Eingriff durchzuführen. Bei der Besprechung dann die Überraschung: Keiner trug eine Maske. Die Frage: «Are you infected?» Ich verneinte. «No, I am just protecting myself.» «We are short of masks!» Alsbald riet mir der Medical Director freundlich, aber bestimmt, doch meine Maske auszuziehen. «It scares the staff!»

Was man nicht hat, kann kaum nützlich sein. Man würde wohl sein Gesicht verlieren, müsste man etwas empfehlen, das man nicht erwerben kann.

Zurück in der Schweiz

Zum Wochenende zurück in der Schweiz, war es nicht anders: Daniel Koch, COVID-19-Beauftragter des Bundes, beruhigte mit seiner ruhigen Berner Art: «Masken nützen nichts!»

Auch hier erfuhr man im Internet und beim Besuch in der Apotheke, dass Masken kaum verfügbar sind. Was man nicht hat, darf nicht nützen.

Entsprechend sah man kaum Fussgänger mit Masken, ganz gleich, ob sie auf der Strasse gingen oder standen, sich in ein Tram oder in die Bahn setzten. Man glaubte den Verkündern der Wahrheit.

Nach der Lockerung des Lockdowns schüttelten sich auch die Vorsichtigsten die Maske vom Gesicht und genossen die neue Freiheit – bis die drohende zweite Welle auch hier flugs zu einem Strategiewechsel führte.

Was sagt die Wissenschaft?

Im Grunde handelt es sich hier nicht um eine Frage des Glaubens, noch können Politiker oder Beamte eine glaubwürdige Antwort liefern, vielmehr ist die Wissenschaft gefragt. Und in der Tat gibt es Untersuchungen in Nature Medicine [5] und Science [6], einen Cochrane-Bericht [7] mit konkordanten Ergebnissen und weitere mehr. Es steht ausser Zweifel, der gesunde Menschenverstand würde wohl auch darauf kommen, dass ­Masken die Verbreitung von Partikeln aus unserem Munde, sei es beim Sprechen (Abb. 1), beim Husten und beim Niesen oder gar beim Singen und Schreien, reduzieren. Gewiss, einen völligen Schutz bieten die meisten Masken nicht; doch die Wahrscheinlichkeit, durch einen Nachbarn mit nasser Aussprache mit einer ­hohen Virendosis eingedeckt zu werden, ist unzweifelhaft deutlich geringer.

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Abbildung 1

Partikel-Streuung beim Sprechen mit und ohne Maske. (Aus: Prather KA, Wang CC, Schooley RT. Reducing transmission of SARS-CoV-2. Science. 2020;368(6498):1422-1424, Nachdruck mit Genehmigung der American Association for the Advancement of Science.)

Wieso also Lockdown und nicht Maskenzwang? Was man nicht hat, kann man nicht empfehlen – der Fuchs und die Trauben lassen grüssen. Inzwischen, man hat nun genügend Masken aus China importiert und die Eigenproduktion ist am Einsetzen, hat man sich eines Besseren besonnen. Nur einen Zwang wollte man, bis es sich nicht mehr vermeiden liess, nicht aussprechen, man will ja nicht das Gesicht verlieren. So setzten sich auch in der Bahn und im Tram bis zur bundesrätlichen Etnscheidung per 6. Juli 2020 nur die Besonnenen eine Maske auf, man wollte die neue Freiheit ­geniessen. Bedenkt man, dass die Mehrheit der mit COVID-19 Infizierten kaum oder keine Symptome hat, kann man sich von der Virustransmission ein besseres Bild machen. Man darf nur hoffen, dass die zweite Welle uns erspart bleibt.

Zurück in London

Auf dem Rückflug wird klar: Die Swiss nimmt die Masken ernst. Es herrscht strikter Maskenzwang während des ganzen Fluges. Die Swiss nimmt Masken so ernst, dass sie ihnen eine volle Schutzwirkung zuschreibt; man sitzt beengt wie in alten Zeiten, das Flugzeug wird mit Passagieren gefüllt, kein Sitz bleibt ungenutzt. Ob das wirklich gut geht? Man wird sehen.

In Heathrow nun werden Masken angeboten, hier herrscht Maskenzwang, auch für Reisende, die das nicht begriffen haben. Im Harefield Hospital wird man nicht länger zurechtgewiesen. Boris, nun vom Saulus zum Paulus geworden, beschwört seine Bürger und rät zu Social Distancing, Händewaschen und if necessary a mask. Und wirklich, in London gehören Masken nun zum Strassenbild. In New York ging Governor Andrew Cuomo noch weiter und machte das Sinnvolle zur Pflicht.

The bottom line

Vorbereitet waren wir alle nicht, die Masken wurden daher zur Maskerade. Die verwöhnten Kinder der Moderne mochten an eine solche Katastrophe nicht ­glauben – und woran man nicht glaubt, das trifft einen unvorbereitet, mit offenen Grenzen, rationierten Desinfektionsmitteln und fehlenden Masken. Ja, sie ist kein schwarzer Schwan, diese COVID-19-Pandemie, wie Nassim Taleb richtig festhielt. Vielmehr war es zu erwarten; die Experten warnten, die Risikoszenarien wiesen darauf hin und Bill Gates, ein Mann nicht ohne Vision, kündigte es an, ohne gehört zu werden.

Nicht auszudenken, wie der Lockdown verlaufen wäre, wenn alle über Masken verfügt hätten. Geschäfte, Buch­handlungen, Restaurants und vieles mehr wären in reduziertemy Rahmen offen geblieben. Der wirtschaftliche Schaden hätte sich wohl nicht verhindern, aber sicher abschwächen lassen.

Ob der Fuchs mit ­einer Leiter zurückkam und es erneut versuchte? Darüber schwieg des Sängers Höflichkeit.

Conflicts of interest

Für diesen Artikel bestehen keinerlei Interessenskonflikte ausser der eignen Betroffenheit.

Credits

Header image: © Luboslav Ivanko | Dreamstime.com

Correspondence

Correspondence: Prof. Thomas F. Lüscher, F.R.C.P., Zurich Heart House, Editorial Office, Cardiovascular Medicine , Hottingerstrasse 14, CH-8008 Zürich, cardiotfl[at]gmx.ch

Referenzen

1 https://coronavirus.jhu.edu/map.html (6.7.2020)

2 Hunter DJ. Stiff upper lip – the Pandemic response in the United kindom. N Engl J Med. 2020;382(16):e31. doi:. http://dx.doi.org/10.1056/NEJMp2005755 PubMed

3 Nietzsche F. Ecce homo. In: Sämtliche Werke, Götzendämmerung, Der Antichrist, Ecce Homo, Gedichte. Stuttgart: Alfred Kröner Verlag; 1964. S. 293–412.

4 Smeeth L, Thomas SL, Hall AJ, Hubbard R, Farrington P, Vallence P. Risk of myocardial infarction and stroke after acute infection or vaccination. N Engl J Med. 2005;352(11):1151. doi:. http://dx.doi.org/10.1056/NEJM200503173521120 PubMed

5 Leung NHL, Chu DKW, Shiu EYC, Chan K-H, McDevitt JJ, Hau BJP, et al.Respiratory virus shedding in exhaled breath and efficacy of face masks. Nat Med. 2020;26(5):676–80. doi:. http://dx.doi.org/10.1038/s41591-020-0843-2 PubMed

6 Prather KA, Wang CC, Schooley RT. Reducing transmission of SARS-CoV-2. Science. 2020;368(6498):1422–4. doi:. http://dx.doi.org/10.1126/science.abc6197 PubMed

7 Liang M, Gao L, Cheng C, Zhou Q, Uy JP, Heiner K, et al.Efficacy of face mask in preventing respiratory virus transmission: A systematic review and meta-analysis. Travel Med Infect Dis. 2020;•••:101751. doi:. http://dx.doi.org/10.1016/j.tmaid.2020.101751 PubMed

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