Viewpoint

Herztod in den Bergen ‒ zum 50. Todestag von Theodor W. Adorno

DOI: https://doi.org/10.4414/cvm.2019.02067
Publication Date: 07.09.2019
Cardiovasc Med. 2019;22:w02067

Lüscher Thomas F.

Zurich Heart House – Foundation for Cardiovascular Research, Zurich, Schweiz

Das Ereignis

Vierzig Jahre ist es her: Am 6. August 1969 erfuhr die deutschsprachige Öffentlichkeit vom unvermuteten Hinschied ihres Vordenkers Theodor W. Adorno (eigentlich Theodor Wiesengrund Adorno) während seines wohlverdienten Sommerurlaubs in den Schweizer Bergen, genauer am Eingang des Mattertales nahe Visp, dem Hauptort des gleichnamigen Bezirks im Kanton Wallis.

Zwei Wochen zuvor war Adorno erschöpft von den Ereignissen turbulenter Tage an der Universität Frankfurt mit seiner Ehefrau Gretel nach Zermatt gefahren, um standesgemäss im Hotel «Bristol» einige erholsame Urlaubstage zu verbringen (Abb. 1). Wenige Tage danach besuchten die beiden entgegen dem Rat ihres langjährigen Hausarztes (wenn auch aus Vorsicht nicht zu Fuss, sondern mit der Seilbahn) einen nahen Dreitausender [1]. Auf dem Gipfel angelangt, setzte bei Adorno Angina pectoris ein, Brustschmerzen also, wohl ausgelöst durch eine Unterversorgung des Herzmuskels mit Sauerstoff, ein besonders in grosser Höhe untrügliches Zeichen einer koronaren Herzkrankheit. Sie zwang ihn zum Abbruch des Ausflugs. Einmal im tiefer gelegenen Visp angekommen, stellten sich die Herzbeschwerden erneut ein und Adorno musste sich im Spital untersuchen lassen. Trotz den Bemühungen der Ärzte vor Ort verstarb Adorno am nächsten Tag, denn wenig stand damals zur Verfügung.

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Abbildung 1
Die Zermatter Bergwelt mit Gornergratbahn (links) und das Ehepaar Gretel und Theodor W. Adorno (rechts).

Hilflose Ärzte

Ja, die Kardiologie konnte sich 1969 noch nicht wirklich sehen lassen. Wenn auch die Herzchirurgen mit Pioniertaten wie der Bypassoperation und Herztransplantation glänzten, wussten die Mediziner bei Herzinfarktpatienten kaum mehr als tender loving care zu bieten [2]. Gewiss, ein EKG stand wohl auch im Spital Visp zur Verfügung, doch ausser Nitroglycerin und vielleicht Heparin war nichts Wirksames vor Ort. Selbst Biomarker für die Diagnostik waren noch kaum verbreitet, die Kreatininkinase war der einzige Marker, mehr kannte die ärztliche Praxis nicht. Die Koronarangiographie stand in grossen Zentren dank Mason Soanes Pioniertat [3] zur Verfügung (in Zürich hatte Paul Lichtlen als erster Schweizer Kardiologe die Untersuchung gerade erst eingeführt), doch wurde sie mit grosser Vorsicht und gewiss nicht bei Infarktpatienten eingesetzt. Die primäre perkutane koronare Intervention (PCI) war noch nicht erfunden [4] und selbst die hemmende Wirkung von Aspirin auf die Thrombozytenfunktion wurde von Sir John R. Vane erst 1971 entdeckt [5]. Auf den Beweis, dass Aspirin auch wirklich das Risiko eines Infarkttodes senkt, musste die Medizin noch fast 20 Jahre warten [6]. Kurz und gut: Der fatale Verlauf eines Infarktes bei einem 66-jährigen erschöpften Diabetiker mit wohl einer Dreigefässerkrankung war damals gewiss unausweichlich.

Die Vorgeschichte

Den unvermuteten Herzbeschwerden waren Demütigungen durch die sich radikalisierenden Studenten der 68-er Bewegung, die sich besonders in Frankfurt und Berlin Gehör verschafft hatten, vorausgegangen: Zwar galt Adorno den revolutionären Studenten, die er mit seinen Vorlesungen und Schriften inspiriert hatte, anfangs als Leitfigur. Doch als sich die Studenten zunehmend radikalisierten, wurde ihnen der zurückhaltende Theoretiker, der die revolutionäre Praxis lieber vertagen als führen wollte und den rohen Unmittelbarkeitskult der Macher des Tages verabscheute, zum Hindernis. Als einige Monate zuvor, am 7. Januar 1969, die linken Studenten sein Frankfurter Institut für Sozialforschung besetzten, sah sich der Denker der Negativen Dialektik [7] gezwungen, die Polizei zu rufen und gegen seinen Doktoranden und Anführer des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes Hans-Jürgen Krahl Anzeige wegen Hausfriedensbruchs zu erstatten – der bewunderte Vor-Denker wurde den Studenten unvermutet zum Verräter. An der Wandtafel des Hörsaals musste Adorno lesen: «Wer nur den lieben Adorno lässt walten, der wird den Kapitalismus ein Leben lang behalten

Das Busenattentat

Monate später, am 22. April des gleichen Jahres, folgte das «Busenattentat»: Drei barbusige Studentinnen bedrängten den wie immer mit Anzug und Krawatte bürgerlich korrekt gekleideten Denker, der sich mit seiner Aktentasche wild um sich schlagend zu wehren versuchte und den Hörsaal fluchtartig verliess.

Adorno fühlte sich durch die Rohheit der eskalierenden Studentenproteste schwer getroffen. Die Anspielung auf seine Schwäche für schöne Frauen, die Andeutung, der berühmte Denker sei ein lüsterner Onkel, kam einer öffentlichen Beschämung gleich. Wenig später, am 12. Juni, kam es erneut zu Tumulten in seiner Vorlesung. Er, ein Intellektueller spätbürgerlicher Prägung, sah in den Protesten der Studenten eine unkultivierte Grobschlächtigkeit. Frustriert gab er seine Lehrtätigkeit in Frankfurt für das verbleibende Sommersemester auf. Als ob damit noch nicht genug gewesen wäre, musste Adorno am 18. Juli vor Gericht als Zeuge gegen seinen Dissertanden Hans-Jürgen Krahl aussagen. Kurz darauf floh er in die Schweizer Bergwelt – die Auseinandersetzung von Theorie und Praxis endete für den sensiblen Denker tödlich. Wie einst Goethes Zauberlehrling («Walle! Walle manche Strecke, daß zum Zwecke Wasser fließe und mit reichem, vollem Schwalle zu dem Bade sich ergieße»), wurde er von den Folgen seines Tuns überrannt.

L‘Affaire

Ob die letzte aussereheliche Affäre des kleingewachsenen und glatzköpfigen Denkers mit der jungen Muse Arlette Pielmann, Schauspielerin, Malerin und Fotomodell, ihren Teil beitrug, sei dahingestellt. Immerhin ist beim Mann ein Zusammenhang von ausserehelichen Affären mit kardialen Ereignissen belegt [8, 9]. Die Frage bleibt im Raum: Waren es Herzensangelegenheiten oder die beruflichen Enttäuschungen, die das unerwartete Ende mit sich brachten? Gewiss, die arteriosklerotischen Plaques in den Herzkranzgefässen, die Adorno zum Verhängnis wurden, hatten sich über Jahre und Jahrzehnte und nicht erst in den letzten Wochen ausgebildet. Der etwas übergewichtige Diabetiker hatte alle Voraussetzungen; die Plaques in seinen Herzkranzgefässen, die ihn umbrachten, warteten nur auf den Moment, um Unheil zu stiften. Das Substrat für den Auslöser der letzten Stunde stand schon lange in seinem Inneren bereit, wurde wohl aber durch privaten und beruflichen Stress vulnerabel. Als Trigger dürfte der Ausflug in die Berge gewirkt haben. Für jemanden, der im Alltag in Frankfurt 112 Meter über dem Meeresspiegel lebte und sich unangepasst auf 3000 Meter Höhe begab, war ein solcher Ausflug mit einem Abfall der Sauerstoffsättigung und einer Tachykardie verbunden – beides Ereignisse, die bei einem Diabetiker mit koronarer Herzkrankheit und einer vulnerablen Plaque nicht erwünscht sind. Der Schmerz der sich in Visp erneut einstellenden Angina war wohl ein weiterer und letzter Trigger, der das sympathische Nervensystem stimulierte und als unabhängiger Risikofaktor für den Herztod gilt [10].

Was bleibt?

Was bleibt von seinen Gedanken heute? Was man von ihm und seinem Alter ego Max Horkheimer zum Thema Mündigkeit vernimmt [11], lässt uns den Zeitgeist spüren. Bei diesem gerade heute weiterhin aktuellen Thema wurde von den beiden Grossdenkern ausgehend von Kants berühmter Schrift [12] mit Recht auf die pädagogische Aufgabe hingewiesen, Schülern den Gebrauch ihres Verstandes ohne Anleitung eines anderen zu vermitteln. Der unerschütterliche Glaube an soziale Verhältnisse, an ökonomische Strukturen der Gesellschaft und Lebensumstände in einem kapitalistischen System als allein bestimmende Faktoren unseres Seins und Werdens lässt uns heute ratlos zurück: Begabung sei ein Fetisch autoritärer Kultur und nicht eine Naturanlage, die Entwicklung der Intelligenz allein ein soziales Phänomen und Genie eine romantische Verbrämung – so liessen sich die Meisterdenker vernehmen. Adorno ging so weit zu behaupten, dass er nur dank den vermögenden Verhältnissen seines Elternhauses zu seiner intellektuellen Entwicklung gefunden habe – als ob Talent keinerlei Bedeutung hätte.

Für natürliche Unterschiede in Persönlichkeit und Talent der Menschen bleibt in diesem Denken kein Raum. Dies erstaunt bei einem begabten Musiker, Musiktheoretiker [13] und Komponisten, der Adorno ebenfalls war. Dass beispielsweise nur sein Elternhaus Wilhelm Backhaus (1884–1969) zu einem Meisterpianisten machte, Mozart ausschliesslich ein Produkt seines Vaters war, kann man heute kaum mehr glauben. Ja, die Genetik unserer Tage hat nicht nur für Musikalität [14], sondern auch für educational attainment, also für den Bildungserfolg, eine Reihe von Genen identifiziert [15]. Die Last der braunen Jahre liess diese durch die Geschichte verletzten Denker Biologie und Genetik verteufeln, eine Geisteshaltung, die auch heute noch in der deutschsprachigen Geisteswelt und Politik ihr Unwesen treibt. Nach Auschwitz Gedichte zu schreiben ist nicht barbarisch, wie Adorno behauptete [16], genauso wenig wie es barbarisch ist, nach dem Rassenwahn Biologie und Genetik zu betreiben. Geschichte sollte man nicht vergessen, aber sie darf auch der Zukunft nicht im Wege stehen.

Das einst selbstbestimmte Subjekt Kants wurde bei Adorno ein hilfloses Opfer seiner sozialen Verhältnisse – gewiss eine von ihm unbedachte negative Dialektik der Aufklärung [17]. Weil die Theorie es will, dass in der Nachfolge von Georg Friedrich Wilhelm Hegel und Karl Marx alles durch soziale und ökonomische Verhältnisse bedingt sei, bleibt in diesem Weltbild wenig Platz für Selbstbestimmtheit, Begabung und Eigenleistung als Faktoren des Lebenserfolgs und letztlich der gesellschaftlichen Entwicklung. Ein solches Denken galt den Philosophen der Frankfurter Schule der 60er Jahre als bürgerlicher Überbau unsozialer Produktionsverhältnisse. Ihre manichäische Welt bestand aus mündigen Denkern der kritischen Theorie und ihrem Gegenbild, den Vertretern des kritischen Rationalismus um Hans Albert und Sir Karl Popper [18], um von der molekularen Evolutionstheorie nicht zu reden. Der rührige Glaube an die Veränderlichkeit von allem und jedem nach sogenannten historischen und soziologischen Gesetzen lässt uns heute fast mitleidig an diese Zeit eines illusionären Aufbruchs denken, der daran scheiterte, dass er das wirklich Machbare aus den Augen verlor.

Und Machbares gibt es bei aller Bedeutung der Veranlagung zweifellos nicht nur beim Lernen, sondern auch in der Prävention der koronaren Herzkrankheit: Bewegung und Sport, meist bei Denkern weniger verbreitet, Verzicht auf Rauchen, selbst beim Schmieden grosser Gedanken, Halten des Normalgewichts zur Vorbeugung von Hochdruck und Diabetes trotz sitzender Lebensweise haben unzweifelhaft ihre Wirkung, gerade bei den genetisch Vorbelasteten, wie wir kürzlich gelernt haben [19]. Dennoch lässt sich – ähnlich wie bei begabten Musikern ‒ die Genetik, die beispielswesie weitgehend LDL-Cholesterin und Lipoprotein(a) bestimmt, nicht zur Seite wischen. In der Prävention bewegt sich die Dialektik zwischen Genetik und Umwelt, zwischen Vorbestimmtheit und dem eigenen Lebensstil.

Was bleibt, sind gewiss einprägsame Worte aus den Minima Moralia: «Es gibt kein richtiges Leben im Falschen» [20] – und das gilt gerade in der Prävention.

Funding / potential competing interests

No financial support and no other potential conflict of interest relevant to this article was reported.

Credits

Header image: © Sorin Colac | Dreamstime.com

Correspondence

Professor Thomas F. Lüscher, F.R.C.P., Imperial College und Universität Zürich, c/o Zurich Heart House, Hottingerstrasse 14, CH-8008 Zürich, cardio[at]tomluescher.ch

Literatur

1 Lütkehaus L. Der Tod in Visp NZZ, 6. August 2003.

2 Messerli FH, Messerli AW, Lüscher TF. Eisenhower’s billion-dollar heart attack--50 years later. N Engl J Med. 2005;353(12):1205–7. doi:. http://dx.doi.org/10.1056/NEJMp058162 PubMed

3 Lüscher TF. Blick zurück auf grosse Ärzte, ihre Taten und die Folgen. Cardiovasc Med. 2018;21(10):241–3. doi:. http://dx.doi.org/10.4414/cvm.2018.00577

4 Meier B, Bachmann D, Lüscher T. 25 years of coronary angioplasty: almost a fairy tale. Lancet. 2003;361(9356):527. doi:. http://dx.doi.org/10.1016/S0140-6736(03)12470-1 PubMed

5 Vane JR. Inhibition of prostaglandin synthesis as a mechanism of action for aspirin-like drugs. Nat New Biol. 1971;231(25):232–5. doi:. http://dx.doi.org/10.1038/newbio231232a0 PubMed

6 ISIS-2 (Second International Study of Infarct Survival) Collaborative Group. Randomised trial of intravenous streptokinase, oral aspirin, both, or neither among 17,187 cases of suspected acute myocardial infarction: ISIS-2. ISIS-2 (Second International Study of Infarct Survival) Collaborative Group. Lancet. 1988;2(8607):349–60. PubMed

7 Adorno TW. Negative Dialektik. Gesammelte Schriften. Suhrkamp, Frankfurt 1973.

8 Fisher AD, Bandini E, Corona G, Monami M, Cameron Smith M, Melani C, et al.Stable extramarital affairs are breaking the heart. Int J Androl. 2012;35(1):11–7. doi:. http://dx.doi.org/10.1111/j.1365-2605.2011.01176.x PubMed

9 Lee S, Chae J, Cho Y. Causes of sudden death related to sexual activity: results of a medicolegal postmortem study from 2001 to 2005. J Korean Med Sci. 2006;21(6):995–9. doi:. http://dx.doi.org/10.3346/jkms.2006.21.6.995 PubMed

10 Tesarz J, Eich W, Baumeister D, Kohlmann T, D’Agostino R, Schuster AK. Widespread pain is a risk factor for cardiovascular mortality: results from the Framingham Heart Study. Eur Heart J. 2019;40(20):1609–17. doi:. http://dx.doi.org/10.1093/eurheartj/ehz111 PubMed

11 Erziehung zur Mündigkeit. Das letzte Interview. In: Adorno MHuTW, ed: Hessischer Rundfunk 2010.

12 Kant I. Was ist Aufklärung? Ausgewählte kleine Schriften. Felix Meiner Verlag; 1999. p. 20-27.

13 Lenz H. Philosophie der Neuen Musik. In: JSTOR; 1951.

14 Mariath LM, Silva AM, Kowalski TW, Gattino GS, Araujo GA, Figueiredo FG, et al.Music genetics research: Association with musicality of a polymorphism in the AVPR1A gene. Genet Mol Biol. 2017;40(2):421–9. doi:. http://dx.doi.org/10.1590/1678-4685-gmb-2016-0021 PubMed

15 Zeng L, Ntalla I, Kessler T, Kastrati A, Erdmann J, Danesh J, et al.; UK Biobank CardioMetabolic Consortium CHD Working Group. Genetically modulated educational attainment and coronary disease risk. Eur Heart J. 2019;40(29):2413–20. doi:. http://dx.doi.org/10.1093/eurheartj/ehz328 PubMed

16 Adorno TW. Gesammelte Schriften Band 10.1: Kulturkritik und Gesellschaft I: Prismen. Ohne Leitbild: Suhrkamp Verlag Gmbh & Company KG; 1977.

17 Adorno TW, Tiedemann R. Max Horkheimer und Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung: Philosophische Fragmente: Suhrkamp; 1984.

18 Popper KR. Das Elend des Historizismus. Tübingen: UTB Francke Verlag; 1957.

19 Khera AV, Emdin CA, Drake I, Natarajan P, Bick AG, Cook NR, et al.Genetic Risk, Adherence to a Healthy Lifestyle, and Coronary Disease. N Engl J Med. 2016;375(24):2349–58. doi:. http://dx.doi.org/10.1056/NEJMoa1605086 PubMed

20 Adorno TW. Minima Moralia. Frankfurt: Bibliothek Suhrkamp; 1982.

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